Vierhundert Jahre Schützenverein Leer-Ostendorf?

Vierhundert Jahre mit Fragezeichen? Wieso das? Ist die Zahl vielleicht gar nicht richtig? Und warum jetzt 400 Jahre, wo man doch im Jahre 1984 das 250. Jubiläum gefeiert hat. Nach Adam Riese hätte man 2009 allenfalls den 275. Jahrestag feiern können. Und jetzt 400 Jahre mit Fragezeichen? Das ist einerseits richtig und andererseits unrichtig. Da wird in einer Prozessakte, über die in einem anderen Beitrag des Festbuches ausführlich berichtet wird, zum Jahr 1587 die Vogelstange in Leer erwähnt. Stand diese nun am Schüttenkämpken oder an einem ganz anderen Platz? War das die zentrale und einzige Vogelstange für das Dorf Leer und die Bauerschaften? Oder war es nur die Vogelstange der Ostendorfer? Fragen über Fragen, die sich bis heute noch nicht eindeutig klären ließen. Wenn aber die 1587 erwähnte Vogelrute die zentrale Vogelstange für ganz Leer war, dann hätte man im Jahre 2012 im Dorf, in Ostendorf, in Haltern und in der Alst das 425. Schützenfest feiern können. Aber auch dieses Schützenfest hätte nicht den Anfang des Schützenwesens in Leer dokumentieren und festschreiben können. Die Schützenvereine sind noch viel älter. Ihr Alter reicht bis in die Zeit um 1300 bis 1350 zurück, als die Städte mit Mauern und die Dörfer mit ihren Bauerschaften mit Landwehren zum Schutz gegen landfremdes Gesindel und umherstreifende Soldaten umgeben wurden. Für die Instandhaltung der Mauern, der Wassergräben und der Landwehren waren die jungen Burschen der Städte, Dörfer und Bauerschaften zuständig. In den Stadtgräben und den Wassergräben entlang und zwischen den Wällen der Landwehren musste im Herbst das Laub und im Winter das Eis entfernt werden. Die Wälle der Landwehren mussten ständig kontrolliert werden, ob sie auch ganz dicht und undurchdringlich mit Dornengehölz wie Brombeeren, Weißdorn, Schlehen, Hülskrabben sowie Schlinggewächsen bepflanzt waren.

Die jungen Burschen waren mit Armbrust und später mit Feuerrohren ausgerüstet und kamen einmal im Jahr auf Veranlassung des Landesherrn, der Bürgermeister, des Pfarrers oder der Äbtissin zusammen, um ihre Wehrtüchtigkeit unter Beweis zu stellen. So hängt beispielsweise an einer Horstmarer Schützenkette das Königsschildchen des Landesherrn, des Bischofs und Herzogs Johann Wilhelm von Jülich, Kleve und Berg, an einer Borghorster Schützenkette das Schildchen der Äbtissin Anna Carolina Droste zu Vischering, auf dem sie stolz verkündet: "Ich bin Manns-König geworden!" und im Schützenbuch der Burgsteinfurter Schützen finden sich etliche Steinfurter Grafen, die sich zum Schützenkönig geschossen hatten. Die Schützen-Bruderschaften, so die Bruderschaft St. Katharina in Horstmar, standen den Kirchen nahe. Ihr Praeses war jeweils der amtierende Pfarrer. Ihnen allen stand der 1. Schuss, der Ehrenschuss, beim Vogelschießen zu. Dem jährlichen Schießen schloss sich in der Regel ein Trinkgelage an, aus dem sich dann im Laufe der Zeit das Schützenfest mit Kommers und Damenprogramm entwickelte.

Verheiratete Männer wurden in der Regel nicht für einen gefahrvollen Einsatz der Schützen herangezogen, denn kam einer von ihnen zu Schaden, hatte die Stadt, das Dorf oder die Bauerschaft für die weitere Versorgung der ihres Ernährers beraubten Familie zu sorgen. Eine Sozialversicherung gab es früher nicht.

Akten irgendwelcher Art gab es zur Entstehungszeit der Schützenvereine noch nicht. Deshalb lassen sich deren Gründungszeiten auch nicht exakt ermitteln. Das älteste Königsschildchen an einer Schützenkette bedeutet in keinem Fall die Gründung des Schützenvereins. Nachrichten über Schützenfeste des 16. und 17. Jahrhunderts sind immer zufällig. Man kann nicht systematisch danach suchen. Sie laufen einem meist dann über den Weg, wenn man gerade gar nicht nach ihnen sucht. So erging es auch dem Entdecker der Nachricht über das Vogelschießen im Jahre 1609 Helmut Börnemann, Lehrer in Borken. Er, der die meisten Kirchenbücher des Münsterlandes - unter ihnen auch die von Leer und Horstmar - und so manche andere Quelle mit historischen- und familienkundlichen Nachrichten abgeschrieben hat und noch abschreibt, hat in der Jahresrechnung des Amtes Horstmar für 1609, die im Fürst Salm-Horstmar'schen Archiv in Coesfeld liegt, eine Seite mit gleich mehreren Nachrichten aus Leer entdeckt:

Hoyinck hat Johanningh auf freier Straßen verfolgt und i(h)me Gewalt gethan

2 1/2 Mark (Strafe), J

ohanningh hat Hoyinck in eine Mergelkuhlen gestoßen, seine Handbarde abgenommen und im Müllenteich geworfen

2 1/2 Mark (Strafe),

Wolbert hat mit Gewalt sein gepfendetes Pferd dem Schluter und Under Vogt (= Wilhelm Morrien) genommen

3 Mark (Strafe).

Und dann die wohl wichtigste Nachricht für Ostendorf:

Die junge Schütten der Oestendorper Paurschaft zu Leer haben am Sontagh Trinitatis geschotten und wider außgekündigten Verbott drei Thage langh gezechet.

Der Koningh Wilmings Moller.
Brief an die Ostendörfer, vom König Wilmings Moller

Das ist der Beweis für das Vogelschießen in Ostendorf im Jahre 1609 und die Grundlage für das große Fest in diesem Jahr!

Aber auf derselben Seite der Amtsrechnung wird neben dem mit Namen unbekannten Müller auf Wilmings Mühle noch ein weiterer Ostendorfer genannt, der eine brüchtenwürdige, das heißt strafwürdige Tat begangen hat:

"Johan Roißinck auß der Oestendorper Paurschaft hat wider Verbott in der Halter Paurschaft den Vogel abgeschoßen. Daselbst zwei Thage über gedruncken."

Text: H.J. Warnecke

Wer sich noch mehr für die Geschichte von Ostendorf interessiert, dem sei das Festbuch zum 400 jährigen Jubiläum nahe gelegt.